Autoren vs. Autorinnen

BücherregalIch habe gerade (will sagen: im September, als das Thema aktuell war und ich diesen Entwurf nebenbei aufschrieb) einen interessanten Artikel gelesen, in dem es darum ging, dass in Listen wie „Die 100 besten Romane“ oder so sehr häufig überproportional Autoren vertreten sind. Aktuell entzündete sich die Debatte an einem „Kanon“ der Zeit, in welchem der Autor 100 Werke (Bücher, Filme, Musikstücke) auflistet, welche man seiner Meinung nach kennen sollte für eine gelungene Allgemeinbildung. Nur sehr wenige dieser Werke stammen von Frauen. Im verlinkten Artikel steht 7, ich zähle 8 Werke von Frauen, plus das Grundgesetz (da waren zumindest einige Frauen mit beteiligt, hoffe ich) sowie einen Film, für den der Kanon Hannah Arendt und Günter Gaus gleichberechtigt listet.

Das brachte mich auf den Gedanken, mal über mein eigenes Leseverhalten nachzudenken. Jetzt ohne in meine Bücherliste oder mein Bücherregal geschaut zu haben, würde ich vermuten, dass ich ebenfalls überproportional Bücher von männlichen Autoren lese. Das fängt schon bei meinen Lieblingsautoren an: Douglas Adams, Terry Pratchett, Jasper Fforde, Richard Morgan, Alastair Reynolds, George R.R. Martin, Jim Butcher, Neil Gaiman… Und bei den deutschen Büchern ist das nicht besser. Hier könnte ich Kai Meyer oder Andreas Eschbach nennen. Oder für Krimis meinetwegen Jacques Berndorf. Wenn ich in meine Bücherliste schauen würde, fänden sich darin u.a. auch sehr viele Perry-Rhodan-Hefte. Hier hat anfangs gar keine Frau mitgeschrieben. Mit Band 795 stieß Marianne Sydow als eine von ca. 10 Autoren dazu, später hatte Susan Schwartz die Rolle der einzigen Frau im Team inne. Heutzutage schreiben im Perry-Rhodan-Team immerhin 4 Frauen mit.

Nachdem ich nun so darüber nachdenke kommt es mir fast schon komisch vor, dass mir so auf Anhieb kaum eine weibliche Autorin aus dem SF- und Fantasy-Bereich einfällt. Bzw. es gibt sie ja schon: Ursula K. LeGuin, Anne McCaffrey und Marion Zimmer Bradley gehören ohne Zweifel zu den anerkanntesten Größen des Genres. Ich habe nur nie eines ihrer Bücher gelesen. Bekannt ist sicher auch Nancy Kress, und ihre Bücher schätze ich tatsächlich sehr und habe immerhin „Bettler in Spanien“ im Regal stehen. Sehr gerne gelesen habe ich auch Bücher von Mary Gentle (vor allem „Ash“). Außerdem fällt mir die Rom-Trilogie von Sophia McDougall ein, welche ich ebenfalls sehr gerne gelesen habe. Und nicht zu vergessen Connie Willis.

Irgendwie ist es schon traurig, dass es das gewesen sein soll. Ich werde also mal im Bücherregal nachschauen… Von 175 SF- und Fantasy-Romanen wurden nur 30 von Frauen geschrieben (jetzt mal ohne die Perry-Rhodan-Hefte, die zähle ich nicht durch). Diese Zahlen sind anhand der Vornamen durchgezählt. Natürlich steht es jeder Frau offen, unter männlichem Pseudonym zu veröffentlichen (und andersherum), was früher wohl auch nicht unüblich war. In meinem Bücherregal sind mir da aber zumindest so aus dem Stegreif keine Fälle bekannt. Richtig traurig sieht es bei den Star-Wars-Romanen aus: 2 von 26. Überraschenderweise ist es bei unseren Star-Trek-Romanen nicht viel besser: 15 von 98 (in zwei Kompilationen sind auch Autorinnen vertreten). Überraschend fand ich das deswegen, weil in meiner Erinnerung sich das Verhältnis bei den ST-Romane der Achtziger und Neunziger in etwa die Waage hielt (die Pocket-Books-Romane): Vonda McIntyre, Diane Carey, Margaret Wander Bonanno, A.C. Crispin, Diane Duane, Melinda Snodgrass, Jean Lorrah, J.M. Dillard… Hier waren durchaus viele Frauen vertreten. Mal für die Classic-Reihe bis 1999 durchgezählt: 56 von 105 Romanen wurden von Autorinnen geschrieben, plus 7 von gemischten Autorenteams. Ich bin gerade zu faul, die Romane ab 2000 auch zu zählen, aber das Verhältnis ist definitiv nicht mehr 50:50. Was läuft da denn gerade schief?

Erklären kann ich mir das eigentlich nur so: Wenn Männer Bücher veröffentlichen, dann nimmt man sie als Autor besser wahr. Sie veröffentlichen vielleicht mehr Bücher, schneller hintereinander, kommentieren öffentlich das Zeitgeschehen und bleiben so im Gedächtnis. Sie schreiben eher lange Reihen als Autorinnen. Bei Autoren erinnert man sich durchaus an den Autor, bei Autorinnen eher an die Bücher?! Keine sehr gute Erklärung, ich weiß. Vielleicht sind Frauen im SF- und Fantasy-Bereich auch schlicht unterrepräsentiert heutzutage. Wenn ich hauptsächlich Krimis oder Romanzen lesen würde, sähe die Bilanz sicher anders aus. Trotzdem ist es schon so, dass von den 30 Büchern von Autorinnen in unserem Regal wohl hauptsächlich Joanne K. Rowling wirklich bekannt ist, in dem Sinne wie Douglas Adams oder Terry Pratchett bekannt sind. Genre-Fans haben sicher auch von Trudi Canavan gehört, aber danach wird es schon eher obskur.

Um mal den Bogen zurück zu dem Kanon der Zeit zu schlagen – der Autor Thomas Kerstan schreibt hier selber:

Leider stammen nur wenige Werke von Frauen. Auch meinem Kanon wird sicher vorgeworfen werden, die Werke „toter weißer Männer“ seien überrepräsentiert. Das liegt daran, dass die stilprägenden, typischen, populären Werke der Vergangenheit vorwiegend von Männern stammen. Sehr bald wird ein neuer Kanon in dieser Hinsicht sicher ganz anders aussehen.

Ich persönlich kann ihm da nicht widersprechen. Das liegt sicher auch daran, dass Autorinnen in der Vergangenheit einfach nicht wahrgenommen und systematisch kleingehalten wurden. Im Ergebnis ist es aber leider eine Tatsache, dass die stilprägenden Werke der Vergangenheit häufig von Männern stammen, weil eben Männer dafür gesorgt haben, dass es so ist und bleibt. Das geht soweit, dass ich aus dem Kopf keine einzige klassische Komponistin, keine Malerin und keine Filmmusik-Komponistin nennen könnte (Update: Hat ein wenig gedauert, aber: Clara Schumann). Traurig. Natürlich ist die Auswahl dieses Kanons auch relativ willkürlich, da bei nur 100 Werken der Fokus viel zu weit gespannt ist, um auch nur alles halbwegs relevante aufzunehmen.

Persönlich lese ich einfach gerne gute Bücher, und während der Lektüre ist es mir eigentlich egal, wer sie geschrieben hat. Umfangreiche Reihen wie die Scheibenwelt oder Harry Dresden verzerren da natürlich das Verhältnis zugunsten der Autoren. Aber als Vater einer Tochter mache ich mir auch Gedanken, über die Welt, in der sie aufwächst. Vom unbestimmten Gefühl der fehlenden Repräsentation in bestimmten Genres oder Gebieten des Lebens ist es nur ein kurzer Schritt zu handfesten Benachteiligungen, wie etwa der Tokioter Medizin-Fakultät, welche im Eingangsexamen systematisch allen Frauen weniger Punkte als den Männern gab. Solche Fälle sind krass, aber leider wohl nicht außergewöhnlich selten. So sieht die Welt nicht aus, die ich mir für meine Tochter wünsche.

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So, noch mal kurz drüber schauen und dann nichts wie ab damit. Vielen Dank fürs Kommentieren! :-)