George R.R. Martin: A Game of Thrones

Cover A Game Of ThronesRezension zu „A Game of Thrones – Book One of A Song of Ice and Fire“ von George R.R. Martin, 835 Seiten, Bantam Books, 2011, Ersterscheinung: 1996

Deutsche Ausgabe: „Die Herren von Winterfell“, 1997, Blanvalet Verlag; „Das Erbe von Winterfell“, 1998, Blanvalet Verlag

Inhalt

Seit seiner Rebellion gegen den verrückten König Aegon Targaryen herrscht Robert Baratheon über die sieben Königreiche von Westeros. Doch das Leben in King’s Landing hat Robert träge gemacht, er kümmert sich mehr um Frauen und Wein als um sein Reich. Als seine rechte Hand Jon Arryn ermordet wird, kann Robert niemand anderem vertrauen als seinem Jugendfreund Eddard Stark. Ned Stark herrscht von Winterfell aus über den Norden und hat doch keine Wahl, als seinem Freund und König in die Hauptstadt zu folgen. Ohne es zu wollen zieht er damit seine ganze Familie in ein gefährliches Intrigenspiel hinein, denn in King’s Landing trachtet jeder auf seine Art nach mehr Macht. Doch auch jenseits der Grenzen von Westeros regt sich Gefahr: Im Osten sucht der Sohn des ermordeten Königs nach Verbündeten, um die Dynastie der Targaryens wiederaufleben zu lassen. Und im Norden mehren sich die Anzeichen, dass der seit Jahren andauernde Sommer zu Ende geht. Liegt der wirkliche Kampf in den unheimlichen Vorgängen im ewigen Eis jenseits der riesigen Eismauer?

Bewertung

Die Bewertung dieses Buches ist insofern schwierig, als ich es zwangsweise im Kontext der sehr erfolgreichen TV-Serie betrachte. Ich hatte die ersten beiden Staffeln der Serie gesehen, als ich Band 1 gelesen habe, und mag die Serie sehr gern. Nicht ganz so wichtig, aber auch nicht zu vernachlässigen: „A Game of Thrones“ ist fast 20 Jahre alt! Vieles, was einem unwillkürlich aus anderen Büchern bekannt vorkommt, war bei George R.R. Martin zuerst da!

Zur groben Einordnung: „A Game of Thrones“ ist realistische und vor allem unheimlich detaillierte Fantasy! Was Realismus und Blutigkeit betrifft, erinnert es ein wenig an Joe Abercrombie, aber der Vergleich ist wie gesagt genau falsch herum. Was die Details der geschilderten Welt betrifft, kann man es ungelogen mit dem „Herrn der Ringe“ vergleichen, wenn auch ohne die gewaltigen geschichtlichen Dimensionen. Der Autor baut hier wirklich eine komplexe Welt auf, aber auf eine Weise, dass man als Leser durchaus noch mitkommt. Den größten Teil der Zeit ist die Geschichte ansonsten mittelalterlich angehaucht, es kommen viele Schwerter und keine Zauberstäbe vor. Nur ab und an brechen dann doch wieder Fantasy-Elemente durch, wenn es etwa um die riesige Mauer aus Eis geht, um Drachen oder um Feuer-Priesterinnen. Das wird aber alles noch so realistisch geschildert, dass unterm Strich doch eine quasi mittelalterliche Welt bleibt.

Das Buch lebt von der geschilderten Welt, den Charakteren und vom Schreibstil George R.R. Martins. Er schreibt nämlich wirklich spannend. Trotz der beträchtlichen Länge des Buches und obwohl ich die Handlung ziemlich haarklein aus der Serie kannte, war es schwer, den Roman wegzulegen. Daneben hat die eigentliche Handlung gar nicht so viel Bedeutung. Man will eigentlich mehr wissen, wie es mit den Charakteren weitergeht, als dass einen konkret interessiert, wer nun den Iron Throne erobert.

Die Welt von Westeros entspricht für mich moderner Fantasy. Sie ist sehr detailliert geschildert, und der Autor hat hier nicht einfach nur eine Welt erschaffen, sondern gleich viele. Wir werden mit der Kultur des Südens ebenso vertraut gemacht wie mit den älteren Gebräuchen im Norden von Westeros. Wir erfahren etwas über das Reitervolk der Dothraki, über die wilden Menschen jenseits der Mauer und über die Sklavenstaaten der Freien Städte. Jede dieser Gegenden hat ihre eigenen Religionen, Sprachen, Gebräuche und Namen, und trotz der Vielfalt der Details behält man als Leser relativ gut den Überblick. Es hilft allerdings, zu Anfang den ca. 40-seitigen Anhang zu lesen, denn das Buch hält sich mit reinen Exposé-Dumps durchaus zurück. Der Autor hat zudem geschickt eine Sprache gefunden, die gleichzeitig vertraut und doch fremd klingt. So werden Lords als „ser“ angeredet, die Gelehrten nennen sich „maester“ und viele Namen sind Abwandlungen echter Vornamen (Eddard, Rickard, Jon). Viele Details finde ich dabei sehr schön beschrieben: Die Religion der Sieben wirkt z.B. schön geschildert oder das nicht näher erklärte Phänomen der oft viele Jahre andauernden Sommer und Winter.

Was die Charaktere betrifft: Es gibt sehr viele davon. Das ist der Hauptpunkt, an dem meine Rezension nicht objektiv sein kann. Neben dem Anhang mit dem Dramatis Personnae hilft es nämlich ungemein, zu neun von zehn Charaktere ein Bild und eine Stimme aus der TV-Serie im Kopf zu haben. Ich habe keine Ahnung, ob einen das andernfalls überfordern würde. So wie die Welt in all ihren Facetten von Religion, Krieg, Politik sehr realistisch geraten ist, so sind es auch die Charaktere. Es gibt hier eben keinen strahlenden Held und keinen dunklen Overlord. Es gibt nur ganz viele Menschen, die ihren Weg gehen, geleitet von Egoismus, Liebe zu ihrer Familie, Dummheit, Arroganz, Heldenmut und oft genug von all dem zusammen. Man kann deswegen auch kaum einzelne Charaktere eindeutig in die Ecke der „Bösen“ stellen. Selbst negativ besetzte Charaktere wie Königin Cersei haben immer wieder ihre Momente, anhand derer man ihre Motivation nachvollziehen kann. Es gibt auf der anderen Seite ein paar eindeutig positiv besetzte Charaktere, obwohl auch diese immer wieder mit Fehlern und Schwächen dargestellt werden: Der zwergenwüchsige Tyrion Lannister, die wilde Arya, Neds Bastard Jon Snow, die junge Exil-Prinzession Daenarys Targaryen. Für sie alle geht es sehr bald um Leben und Tod.

Wenn man beides kennt, drängt sich einem natürlich der Vergleich des Buches mit der Serie auf. Mich hat dabei durchaus beeindruckt, wie genau dieses immerhin ca. 800 Seiten lange Buch in zehn Episoden verfilmt wurde. Es gibt glaube ich ein oder zwei Szenen, die in der Serie fehlen (ein kurzes Gespräch von Catelyn mit Ser Roddrick an Bord eines Schiffes z.B.), aber im Prinzip sind alle Szenen so in der Serie zu finden. Es wurden natürlich ohne Ende Dinge vereinfacht und Details weggekürzt. Das Buch gibt einem ein wesentlich umfangreicheres Bild der Welt von Westeros. Die Religion der Sieben wurde z.B. meiner Erinnerung nach in der ersten Staffel quasi gar nicht erklärt, und auch die komplexe Vorgeschichte der Rebellion Roberts versteht man im Buch besser. Auf der anderen Seite gibt es Szenen in der Serie, die im Buch fehlen, so z.B. die Szene im Turnierzelt zwischen Loras und Renly. Und manche Änderungen wirken einfach nur willkürlich: Im Buch überlebt ganz am Anfang der alte Ranger, in der Serie ist es der junge. Was ist also besser, Serie oder Buch? Wie oben schon erwähnt fand ich es bei diesem Buch sehr hilfreich, die Serie schon gesehen zu haben, und würde deswegen auch diese Reihenfolge vorschlagen. Ab Band 2 sind die Bücher dann wesentlich umfangreicher, so dass es eventuell besser ist, zuerst die Romane zu lesen.

Was man als Kritikpunkt anbringen könnte: Das Buch hat keinen ganz klaren Fokus, es ist deutlich als Teil 1 einer Reihe gedacht. So gibt es nicht im eigentlichen Sinne einen Spannungsbogen, auch wenn die Spannung mit zunehmendem Verlauf natürlich steigt. Mich stört das nicht direkt, aber da die Buchreihe noch nicht abgeschlossen ist, kann man natürlich nicht sagen, ob unterm Strich eine große Saga oder eine vor sich hin-mäandernder Handlungssumpf herauskommt. Die Schwierigkeit, das vorab zu beurteilen, sieht man z.B. ja auch an der „Kingkiller Chronicles“-Reihe. Ganz ehrlich: Ich bin nicht sicher, ob George R.R. Martin diese Geschichte so zum Abschluss bringt, dass es ein rundes Ganzes ergibt. Aber ich würde die Lektüre des Buches trotzdem empfehlen, einfach weil es ein Klassiker ist und die geschilderte Welt so spannend ist.

Eine Sache ist mir aus diesem Buch ansonsten noch in Erinnerung geblieben: In all den Seiten voller Blut und Intrigen finden sich auch einige merkenswerte Gedanken (was mich ebenfalls an den Herrn der Ringe erinnert). Relativ zu Anfang (s. 16) erklärt z.B. Ned Stark seinem Sohn Bran, wieso er einen zum Tode Verurteilten eigenhändig hinrichtet:

Yet our way is the older way. The blood of the First Men still flows in the veins of the Starks, and we hold to the belief that the man who passes the sentence should swing the sword. If you would take a man’s life, you owe it to him to look into his eyes and hear his final words. And if you cannot bear to do that, then perhaps the man does not deserve to die.

In den heutigen Zeiten der unpersönlichen Drohnenkriege ist das ein Gedanke, den man sich öfters mal in Erinnerung rufen sollte, finde ich.

Zum Schluss noch eine Warnung: Ich hatte ja erwähnt, dass George R.R. Martin in vielem eine eigene, sehr passende Sprache gefunden hat. Wie bei anderen Fantasy-Büchern auch habe ich starke Zweifel, wie gut sich das ins Deutsche übertragen lässt. Ich habe die deutschen Übersetzungen nicht gelesen, weiß jedoch, dass es zwei Übersetzungen gibt: Die ältere Übersetzung ist näher am Original, soll dafür aber an vielen Stellen fehlerhaft oder gekürzt sein. Ab Band 5 erscheint nur noch die neue Übersetzung, in der unter anderem viele Namen eingedeutscht wurden („Lennister“ statt „Lannister“, „Königsmund“ statt „King’s Landing“ usw). Das kann in Summe sehr passend sein, ist heute jedoch eigentlich nicht mehr zeitgemäß. Finde ich jedenfalls (Bilbo Beutlin lässt grüßen). Es hilft der eh schon nicht direkt vorhandenen Spannungskurve sicher auch nicht, dass die Bücher im Deutschen aufgrund der Länge geteilt wurden. Also würde ich auch hier wie immer zur Originalversion raten.

Fazit

Ein bemerkenswertes Fantasy-Werk, das in großer Detailfülle eine spannende Welt aufbaut. Die Geschichte ist allerdings nicht abgeschlossen; wer große Zyklen nicht mag, ist hier möglicherweise nicht richtig. Trotzdem: „A Game of Thrones“ ist mittlerweile zu Recht ein Klassiker, den man als Fantasy-Fan gelesen haben sollte. Man muss die anderen vier Bände nicht zwangsläufig ebenfalls lesen. Zur Not tut es auch die TV-Serie. 🙂

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So, noch mal kurz drüber schauen und dann nichts wie ab damit. Vielen Dank fürs Kommentieren! :-)