Eric Brown: Kéthani

Cover KéthaniRezension zu „Kéthani“ von Eric Brown, Solaris Books Nottingham, ca. 294 Seiten, Ersterscheinung: 2008 (UK)

Inhalt

Das Buch beginnt an dem Tag, als Außerirdische auf der Erde landen. Überall erscheinen riesige Türme in der Landschaft, wie umgedrehte Eiszapfen und unverkennbar außerirdisch. Die Kéthani nehmen Kontakt zu den Regierungen der Erde auf und verkünden, dass sie der Menschheit ein Geschenk machen möchten: Die Unsterblichkeit. Jeder Mensch, der dies möchte, kann sich ein Implantat einsetzen lassen, welches nach seinem Tod sein Bewusstsein speichert und den Körper regeneriert. Nach einem halben Jahr auf dem Heimatplaneten der Kéthani kehren die Gestorbenen zurück, jünger und kräftiger als vor ihrem Tod.

Die Menschheit scheint den Tod besiegt zu haben, doch nicht jeder traut den großzügigen Außerirdischen. Was sind die wirklichen Motive der Kéthani? Sind die Rückkehrer noch die gleichen Menschen? Und ist diese Art der Unsterblichkeit wirklich erstrebenswert?

Bewertung

„Kéthani“ ist ein SF-Roman, aber ein ungewöhnlicher. Trotz des Themas geht es hier nicht wirklich um Außerirdische (die Kéthani kriegt man fast nicht zu Gesicht), nicht um Weltraumschlachten oder die wissenschaftlichen Aspekte der Auferstehung. Es geht vielmehr um eine Gruppe von Freunden, die sich jeden Dienstag im Fleece, dem örtlichen Pub in einem Dorf in West Yorkshire, treffen. Es geht um ihre Geschichten, ihre Erfahrungen mit den Veränderungen, die die Kéthani mit sich bringen.

Wenn man diese Geschichten so nach und nach liest, kommt einem das Buch allerdings mehr wie eine Kurzgeschichtensammlung denn wie ein Roman vor. Was daran liegt, dass „Kéthani“ genau das ist. Die erste der zehn Geschichten erschien 1997, die anderen nach und nach, die letzte Story gerade erst 2007. Neu sind lediglich sehr kurze Verbindungsstücke zwischen den Geschichten sowie eine einzelne Geschichte. Es ist deshalb leider gar nicht so einfach dieses Buch zu bewerten, denn man kann es zum einen als Roman sehen, zum anderen aber auch die Geschichten für sich.

Die einzelnen Episoden für sich sind größtenteils sehr spannend geschrieben, ohne dass sie nennenswerte Action enthalten würden. Aber Eric Brown versteht es, einem die Charaktere und die ganze Situation nahe zu bringen. So wenig naheliegend der Grundgedanke des Buches erscheinen mag, nach einer Weile ist man wirklich drin in dieser Welt und verfolgt fasziniert, was die Unsterblichkeit für Auswirkungen auf die Menschheit hat. Und faszinierend ist auch, dass der Autor solch ein globales Szenario mit eigentlich so „kleinen“ Geschichten rüberbringt. Am Beispiel einzelner Personen erleben wir Skepsis, Euphorie, Angst, Mysterien und vor allem Veränderungen. Die Schilderungen der Auswirkungen des Geschenks der Kéthani sind meiner Meinung nach sehr glaubwürdig.

An einigen Punkten hakt es dann leider doch, und das hängt mehr oder weniger alles mit der Natur des Buches zusammen. Der Verlag bewirbt es auf seiner Website z.B. als „novel“ und auch sonst wird man am Anfang des Buches nicht darauf hingewiesen, dass dies kein Roman ist. Man erwartet also einen Roman, wenn man das Buch zu lesen beginnt. Und ich zumindest stelle an einen Roman noch mal andere Anforderungen als an eine Sammlung von Kurzgeschichten.

Da wäre zum einen Tiefe. Was man in Kurzgeschichten vielleicht aufgrund der Kürze nicht ergründen kann, sollte in einem Roman durchaus thematisiert werden. In dieser Hinsicht schlägt sich „Kéthani“ gar nicht so schlecht, aber wenn man länger über die Geschichte nachdenkt, denn fallen einem schon einige Punkte ein, mit denen sich der Autor ruhig hätte länger beschäftigen können. Dies betrifft für mich vor allem die Implantate der Kéthani und deren Unzerstörbarkeit, auf der die ganze Geschichte mehr oder weniger fußt. Hat es wirklich niemand geschafft, so ein Implantat zu zerstören? Und was spricht dagegen, das Implantat zu entfernen, bevor man jemanden umbringt? Sicher, es gäbe noch Dutzende andere Fragen, die man mit dem vom Autor erschaffenen Szenario ergründen könnte, aber diese beiden Punkte hätten mich doch interessiert, weil sie gegebenenfalls den Rest der Geschichte ad absurdum führen können.

Der wichtigste Kritikpunkt ist aber das Ende des Buches. Anfangs stört die Fragmentierung in einzelne Geschichten überhaupt nicht. Im Gegenteil, jede Geschichte bietet wieder einen neuen Blick auf diese spannende Welt und das Geheimnis der Kéthani. Leider baut der Autor mit einigen der Geschichten Erwartungshaltungen auf, die er am Ende in keinster Weise erfüllt. Ich will nicht zu viel verraten, aber speziell die letzte Geschichte fand ich sehr enttäuschend. In unserem Lesekreis, dem wir diese Vorab-Kopie verdanken, wurde unter anderem auch vorgeschlagen, billige Arbeitskräfte anzuheuern, welche die letzte Seite aus den Erstauflagen-Exemplaren reißen sollen. 😉

Ganz so weit würde ich nicht gehen, aber es bringt einen schon etwas ins Grübeln, was die Motivation des Autors für diese Veröffentlichung ist. Er hat ja seinen ursprünglichen Geschichten sehr wenig hinzugefügt. Wollte er damit nur noch einmal etwas Geld verdienen? Liegt die Fortsetzung in Romanform schon fertig in der Schublade, kann aber nicht erscheinen, wenn niemand die ursprünglichen Geschichten kennt? Und wieso wecken ausgerechnet die neuesten Geschichten die meisten Erwartungen, wo doch im Prinzip schon absehbar hätte sein können, dass es dem Autor gar nicht darum ging? Ich meine, wenn man über zehn Jahre hinweg aufeinander aufbauende Geschichten schreibt und am Anfang etwas anderes im Kopf hat als am Ende, kann ich das ja verstehen. Aber die Geschichten, welche mich mit Blick auf das Ende am meisten stören sind gerade erst 2006 und 2007 erschienen, eine dritte ist sogar für dieses Buch erst geschrieben worden. Da wusste Eric Brown doch schon, dass er kein komplett neues Ende für das Buch schreiben würde, nehme ich an.

Dies war übrigens das erste Mal, dass ich ein unveröffentlichtes Buch gelesen habe. „Kéthani“ erscheint nämlich eigentlich erst im Mai. Für die SF-Lesegruppe der Cardiffer Waterstone’s-Filiale hat der Verlag jedoch freundlicherweise einige Probeexemplare herausgerückt („uncorrected proof copy“). Das war durchaus spannend. 😉

Fazit

Die angesprochenen Probleme beeinträchtigen leider den Gesamteindruck des Buches nicht unerheblich. Nichtsdestotrotz bleibt „Kéthani“ aber eine faszinierende und lesenswerte Geschichte. Der Schreibstil des Autors ist mitreißend, die Charaktere sind nachvollziehbar und die Geschichte enthält viele spannende Ideen, die durchaus auch zum Nachdenken anregen (der große Pluspunkt des Buches und der Grund, warum das Buch trotzdem eigentlich allen in der Gruppe gefallen hat). Also mit Abstrichen empfehlenswert.

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So, noch mal kurz drüber schauen und dann nichts wie ab damit. Vielen Dank fürs Kommentieren! :-)