Philip Pullman: The Book of Dust 1: La Belle Sauvage

La Belle SauvageRezension zu „The Book of Dust Vol 1: La Belle Sauvage“ von Philip Pullman, 546 Seiten, David Fickling Books, 2017

Deutsche Ausgabe: „Über den wilden Fluss“, 2017, Carlsen

Inhalt

In einer Welt der unseren nicht unähnlich lebt in einem Inn am Ufer der Themse, ein paar Meilen flussaufwärts von Oxford, der elf Jahre alte Malcolm Polstead. Nach der Schule hilft er seinen Eltern im Inn oder den Nonnen im Kloster auf der anderen Flusseite. Seine liebste Beschäftigung ist jedoch sein Boot, das er „La Belle Sauvage“ genannt hat. Eines Tages jedoch wird Malcolm in Ereignisse von großer Tragweite verwickelt. Er begegnet Agenten des Consistorial Court of Discipline, des Geheimdienstes der Kirche, und wird Zeuge eines Verbrechens. Malcolm fällt eine geheime Botschaft in die Hände, und er macht die Bekanntschaft von Dr. Hannah Relf, einer Wissenschaftlerin, die sich mit den geheimnisvollen Alethiometern beschäftigt. Gleichzeitig erfährt Malcolm, dass sich die Nonnen im Kloster um ein Baby kümmern. Das Mädchen ist die Tochter des bekannten Forschers Lord Asriel, ihr Name ist Lyra und ihre Sicherheit hängt schon bald von Malcolms Mut ab…

Rezension

Die Trilogie „His Dark Materials“ ist ein Klassiker der Jugendliteratur und mittlerweile 22 Jahre alt. Die geplante neue Trilogie „The Book of Dust“ ist nicht direkt eine Fortsetzung, aber auch nicht im strikten Sinn ein Prequel. Der Autor bezeichnet sein neues Werk als „equel“, denn es kann neben den Originalbüchern stehen und ergänzt diese um neue Abenteuer und neue Facetten.

Das erste Buch spielt dabei tatsächlich komplett vor der ersten Trilogie. Die Frage der besten Lesereihenfolge kann man vermutlich erst beantworten, wenn alle drei Bücher von „Book of Dust“ erschienen sind. Ich tendiere allerdings dazu, das Lesen nach Erscheinungsreihenfolge zu empfehlen. Philip Pullman führt mit „La Belle Sauvage“ neue Charaktere und neue Abenteuer ein, fügt aber der phantastischen Welt aus den ersten drei Büchern nicht wirklich neue Facetten hinzu. Weil der Leser die Welt bereits kennt, erläutert der Autor auch nicht zu viel, was es mit den Daemons oder dem Magisterium auf sich hat. Ähnliches gilt für die bereits aus den Original-Büchern bekannten Charaktere, die nicht übermäßig in die Tiefe gehend charakterisiert werden. Wenn man die früheren Bücher bereits kennt, ist das auch völlig in Ordnung. Ich bin aber nicht sicher, wie viel Signifikanz man dem Schicksal des Babys Lyra beimisst, wenn man das Mädchen Lyra noch gar nicht kennt.

Sehr gut gelungen ist im Unterschied zu den erwachsenen Charakteren die Beschreibung von Malcolm und Alice, die einem beide schnell ans Herz wachsen. Im Prinzip war das in der Original-Trilogie ähnlich. Auch dort blieben Lord Asriel und Lady Coulter blass im Vergleich zu Lyra und Will. An Malcolm und Alice gefiel mir vor allem die Sprache. Philip Pullman lässt diese und ähnliche jugendliche Charaktere in einer ländlichen Umgangssprache reden, mit vielen Verkürzungen und hier und da mit falsch geschriebenen Fremdwörtern. Das ist einfach sehr schön gemacht und verleiht diesen Charakteren viel Realismus. Ich bin wie immer nicht sicher, wie gut das übersetzt wurde und ob es auf Deutsch genauso wirkt wie im Englischen.

Generell habe ich an dem Buch am meisten die Schreibweise des Autors genossen. Die erzählte Geschichte ist auch spannend, aber nicht direkt weltbewegend. Das mag sich noch ändern mit Band 2 und 3 der Trilogie. Dieses erste Buch ist jedenfalls ein sehr gemächlicher Start in das neue Abenteuer. Gegen Ende wird die Geschichte relativ unmotiviert sehr phantastisch, nachdem sie lange Zeit ziemlich bodenständig war, und dann ist das Buch zu Ende. Dem ein oder anderen Rezensenten gefiel dieses abrupte Ende nicht, aber nicht umsonst steht auf der letzten Seite „to be continued“. Wenn man sich die Entstehungsgeschichte bei Wikipedia durchliest, dann war dies wohl auch zuerst als ein Roman geplant, dann als zwei Bücher und wird nun eben eine Trilogie. George R. R. Martin kennt das, wenn ein Buch einfach nicht aufhört zu wachsen. Das erklärt aber zumindest etwas den Spannungsbogen.

Ich habe derweil einfach die Sprache genossen. Philip Pullman kann meisterhaft mit der englischen Sprache umgehen. Er beschreibt präzise, aber phantasievoll. Sein Englisch ist passend zum Handlungsort Oxford ein klassisches, britisches Englisch, ohne dass das je hochgestochen wirkt. Hier machte wirklich das Lesen an sich Spaß, und dabei störte es kein bisschen, wenn nicht auf jeder Seite die ganz große Action stattfindet. Es ist im übrigen auch eine schöne Abwechslung, mal wieder eine Geschichte mit einem echten Erzähler in dritter Person und mit Abstand zum Geschehen zu lesen, nachdem gefühlt doch sehr viele Bücher in letzter Zeit in Ich-Form geschrieben sind.

Was die Verbindungen zur Original-Trilogie betrifft: Ich persönlich habe die Bücher ewig nicht gelesen, deswegen habe ich sicher viele Referenzen nicht so mitbekommen. Es tauchen aber auf jeden Fall bekannte Charaktere wie Lord Asriel oder Farder Coram auf. Bei Dr. Relf dachte ich erst, dass es sich um die Wissenschaftlerin aus der alten Trilogie handeln würde. Sie ist aber ein neuer Charakter. Man kann „The Book of Dust“ also durchaus lesen, ohne die Original-Trilogie präsent zu haben, aber ich denke, es macht die Geschichte noch spannender, wenn man diese Referenzen nicht einfach überliest. Davon abgesehen spielt die Geschichte in Lyras Parallelwelt, in der sich der Autor alternative Begriffe für vieles ausgedacht hat, so etwa „anbaric“ für „elektrisch“. Das trägt zur etwas fremd wirkenden Atmosphäre des eigentlich ja sehr bekannten Handlungsortes bei, ohne dass Philip Pullman es übertreibt und den Leser damit nervt.

Eine Sache, die ich ein wenig Schade fand: In der Original-Trilogie kam Pantalaimon als eigenständiger Charakter rüber, und auch die Daemons der anderen Charaktere waren meiner Erinnerung nach recht präsent. Malcolms Daemon Asta wird zwar öfter erwähnt, aber doch eher am Rande. Bei den meisten anderen Charakteren kann man größtenteils vergessen, dass sie auch mit einem Daemon durchs Leben gehen. Da dies ein recht integraler und so wunderbar ausgedachter Bestandteil der Bücher war, fand ich es Schade, dass dieser Aspekt hier ein wenig unterging.

Fazit

Ich habe „La Belle Sauvage“ sehr genossen und in wenigen Nächten durchgelesen. Als Ergänzung zur Original-Trilogie ist es spannend, wenn auch nicht direkt weltbewegend. Als Buch ist es aber einfach gut geschrieben, und es macht großen Spaß, Philip Pullmans Umgang mit Sprache zu lesen. Ich würde deswegen auch unbedingt zum Original raten. Bei allem Respekt vor den Übersetzern, aber das kann eigentlich nur verlieren.

Ein Gedanke zu „Philip Pullman: The Book of Dust 1: La Belle Sauvage

  1. Sehr cool! Ich kenne die Originaltrilogie auch, die mir großen Spaß gemacht hat. Tatsächlich lebt die Originaltrilogie von der Welt, die aufgebaut und beschrieben wird, weniger durch die Handlung (was in der Verfilmung eklatant zum Tragen kommt und wohl auch für den nicht wirklich großen Erfolg des Films verantwortlich war).
    So weiß ich nun, was ich mit als nächstes lesen werde (erst steht aber noch der zweite Teil von „Scythe“ auf meinem Zettel). Ob in Englisch oder Deutsch, habe ich noch nicht entschieden. Wenn jemand wie Andreas Brandhorst übersetzen würde, wäre ich auf Deutsch wohl sofort dabei. Ansonsten ist es ein Glücksspiel.
    Danke auf jeden Fall für diese Rezension und Leseanregung!
    LG,
    Kaineus.

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So, noch mal kurz drüber schauen und dann nichts wie ab damit. Vielen Dank fürs Kommentieren! :-)