TV-Serie: Altered Carbon

Altered Carbon

Die Serie

Takeshi Kovacs ist ein verurteilter Straftäter, und als solcher wurde sein Bewusstsein vom Körper getrennt und eingelagert, während sein Körper verkauft wurde. Jahre bevor seine Gefängnisstrafe abgelaufen ist, erwacht er auf der Erde in einem neuen Körper. Der Milliardär Laurence Bancroft hat ihn angefordert und dafür extra von seiner Heimatwelt Harlan’s World transferieren lassen. Bancroft möchte, dass der ehemalige Envoy Kovacs einen Mord aufklärt: Den Mord an Bancroft selber. Lieutenant Ortega vom SFPD hat die Ermittlungen eingestellt, denn alles deutet auf Selbstmord hin. Doch Bancroft, wiederhergestellt aus seinem letzten Backup und mit einem neuen Klonkörper versehen, kann das nicht glauben und will den wahren Mörder finden…

Bewertung

Ich habe „Altered Carbon“ von Richard Morgan vor vielen Jahren in Cardiff gelesen und fand den Roman sehr spannend. Auch die beiden Folgeromane um Takeshi Kovacs haben mir gefallen. Es ist keine einfache Lektüre und teils sehr düster. Aber die Welt, in der man nicht physisch zu anderen Planeten reist sondern nur sein Bewusstsein in einen passenden Klonkörper herunterlädt, war gleichzeitig sehr fesselnd beschrieben. Nun hat Laeta Kalogridis für Netflix daraus also eine Serie gemacht, und wie das bei Verfilmungen so ist steht für mich der Vergleich mit dem Original im Vordergrund.

Anfangs war ich völlig fasziniert, wie detailgetreu und aufwändig die Serie das Setting aus dem Buch umsetzt. Die erste Episode hält sich gefühlt noch sehr stark an den Roman, die Abweichungen sind eher kosmetischer Natur. Das KI-Hotel heißt hier z.B. „The Raven“ anstatt „The Hendrix“, vermutlich um Rechteproblemen aus dem Weg zu gehen. An anderen Stellen schmückt die Serie aus, was im Buch nicht so prominent herüberkam: So wohnt Bancroft z.B. in der Serie in einer Villa mit Garten, welche auf der Spitze eines Hochhauses über den Wolken thront. Das steht so nicht im Roman, ergibt aber sehr coole Bilder für die Serie. Alles andere entspricht einfach sehr genau der düsteren, heruntergekommenen Atmosphäre des Buches. Besonders erwähnen möchte ich Chris Conner als die holographische Repräsentation der Hotel-KI. Das ist eine Ergänzung der Serie, passt aber perfekt zum Rest und ist sehr unterhaltsam.

Eine Besonderheit der Welt von „Altered Carbon“ ist, dass die Charaktere öfters die Körper wechseln. Im Buch ist das kein Problem, denn Takeshi Kovacs ist ein Ich-Erzähler. In der Serie hat man denke ich auch deswegen seine Hintergrundgeschichte angepasst, um die Anzahl der Körperwechsel zu reduzieren. So sehen wir einen Kovacs in der Gegenwart (Joel Kinnaman) und einen in der Vergangenheit (Will Yun Lee), und das kriegt man ganz gut sortiert, selbst wenn man den Roman nicht kennt, denke ich.

Ortega und Kovacs

Es gibt auch andere Abweichungen zur Serie. So hat man sich z.B. entschieden, Quellcrist Falconer zu einem Charakter der Serie zu machen. Im Roman war die Revolutionärin Falconer nur Background. Sie war für den Charakter Kovacs wichtig, aber er hat sie nie getroffen, kannte nur ihre Schriften. Hier hat man sich entschieden, Falconer viel prominenter einzubauen, was ich sehr gut finde. Sie wurde gewissermaßen mit Kovacs Ausbilderin Virginia Vidaura zusammengelegt, womit ich auch leben kann. Das hat leider einen übelst verwirrenden Nebeneffekt: Im Roman sind die Envoys die absolute Eliteeinheit des UN-Protektorats. Das ist die Truppe, die geschickt wird, um Revolutionen wie die von Falconer zu stoppen. In der Serie dagegen sind die Envoys die Revolutionäre unter Falconer, gejagt werden sie vom Collonial Tactical Assault Corps. Ich habe eine Weile gebraucht, um diesen Unterschied zu verstehen, und dann noch mal eine Weile gegrübelt, ob ich jetzt die Romane die ganze Zeit falsch gelesen habe. Als kreative Entscheidung der Serienmacher kann ich das respektieren, und im Lichte der späteren noch stärkeren Abweichungen zum Roman ergibt das viel Sinn. Aber verwirrend bleibt es, die Envoys so um 180 Grad umzudrehen. Sinn ergeben die Änderungen auch im Hinblick auf eine eventuelle längere Laufzeit der Serie. Die drei Originalromane spielen nämlich teils einige Jahrzehnte auseinander und hatten wenig Bezug zueinander. Das würde als Serienstaffeln so eventuell nicht funktionieren, so dass ich schon davon ausgehe, dass eine eventuelle Staffel 2 eigene Wege gehen wird und sich nur noch lose an den Büchern orientieren.

Ähnlich wie der Roman spielt die Serie mit vielen Facetten, welche die Möglichkeit, Bewusstsein und Körper zu trennen, mit sich bringt. Wir sehen wie die Superreichen damit umgehen, wie es armen Leuten ergeht und wir sehen auch Verweigerer wie etwa Ortegas katholische Familie. Vieles davon entspricht sehr dem Geist des Romans. So arbeitet Ortega etwa im Bereich „Organic Damage“ der Polizei, worunter alles läuft, was den Stack im Nacken des Opfers nicht zerstört. Der Wert eines menschlichen Körpers ist in dieser Welt drastisch gesunken und der Respekt vor demselbigen erst recht. Ich würde das gerne für unrealistisch halten, aber es erscheint leider angesichts des gezeigten Fortschritts als durchaus mögliches Szenario. Die Serie spielt dabei auch nicht bloß 5 Jahre in der Zukunft, wie völlig übertriebene SF es manchmal tut, sondern gleich mehrere hundert Jahre (Wobei man sich hier echt vergriffen hat: Im Buch gibt Kovacs ca. 40 Jahre subjektive Lebenszeit über 150 Jahre Standardzeit an. Hier hat man ihn gleich 250 Jahre schlafen lassen, und das obwohl die Serie die Handlungszeit einige hundert Jahre früher spielen lässt.).

Was man „Altered Carbon“ vorwerfen kann ist das Ausmaß an Sex und Gewalt. Von „Game of Thrones“ und den „Walking Dead“ ist man ja einiges gewohnt, aber das war mir dann doch an einigen Stellen einfach zu viel. Es ist auch gar nicht so einfach zu bewerten: Auch im Roman gibt es graphische Sexszenen und unappetitliche Folterdetails. Es ist aber immer noch mal eine andere Sache, wenn die Kamera direkt draufhält, als wenn es einfach nur mit Worten beschrieben ist. Das lenkt leider etwas von der ansonsten phantastisch ausgedachten Welt ab, und ich finde, hier wäre weniger mehr gewesen. Generell glaube ich, nachdem ich die erste Staffel nun beendet und den Roman noch einmal gelesen habe, dass die Serie es einfach etwas übertrieben hat: Man kann es im Buch ja nun nicht sehen, aber so düster kam mir die geschilderte Welt dort auch nicht vor. Es gibt auch Szenen in einer Kleinstadt am Meer, am Strand, Bancrofts Anwesen liegt nicht in der Stadt. Kurz, bei aller moralischen Verkommenheit kommt im Buch auch mal etwas Licht und Normalität rüber, während die Szenerie in der Serie doch sehr düster ist.

Die Geschichte selber dreht sich ja vordergründig um die Frage, wer Bancroft ermordet hat. Ich selber hatte leider aus dem Roman fast alles vergessen außer der Auflösung. Insofern war das für mich jetzt nicht so sehr der Spannungstreiber. Es ist allerdings tatsächlich eine gute Auflösung für das präsentierte Dilemma. Die Ermittlungen Kovacs mäanderten in der Serie etwas vor sich hin, fand ich. Der Fokus der Geschichte verlagerte sich dann aber bald auch auf Kovacs Vergangenheit und andere Facetten der Geschichte, die ich hier jetzt nicht spoilern will. Ich denke aber, dass man diese Geschichte auch mit 5 bis 8 Episoden hätte erzählen können, ohne etwas zu verlieren.

Video: https://www.youtube.com/embed/dhFM8akm9a4

Nachdem ich den Roman nun noch einmal gelesen habe, treten für mich auch wieder mehr Unterschiede zur Serie in den Vordergrund. Zuerst: Joel Kinnaman als Körper von Elias Ryker ist perfekt gecastet! Auch James Purefoy als Laurence Bancroft spielt die Rolle gut und glaubwürdig, genau wie Martha Higareda als Kristin Ortega. Waleed Zuaiter als Ortegas Partner Abboud (im Buch Bautista) fand ich auch eine sehr gute Besetzung. Was mich überraschte: Die Serie versucht ein Team rund um Kovacs aufzubauen, das im Buch so nicht existierte. Die Geschichte drehte sich dort sehr stark um Kovacs und seine Sicht auf die Ereignisse. Victor Elliott hatte nur eine Szene, Lizzie Elliott gar keine. Komischerweise war Irene Elliott im Buch ein etwas wichtigerer Charakter als in der Serie, genau wie Trepp. Beide ursprünglichen Frauenrollen werden in der Serie von Männern gespielt. Insbesondere um Trepp ist es Schade, der Charakter ist in der Serie ein relativ langweiliges Abziehbild (und heißt Mr. Leung). Was ebenfalls unter die Räder kam: Richard Morgans Einstellung Religion gegenüber. Darf Ortega im Buch noch unzweideutig über die „fucking lunatics“ schimpfen, sehen wir hier ein recht harmonisches Bild ihrer katholischen Familie.

Insbesondere Schade ist aber auch, dass der Roman durch den inneren Monolog und die vielen kurzen Rückblenden ein spannendes Porträt des Charakters Kovacs zeichnet, das so in der Serie leider nicht rüberkommt. Man erkennt Kovacs als Leser des Buches schon wieder, aber wenn man den Roman nicht kennt, fehlt da einfach sehr viel, glaube ich. Dass er seine schlimmsten Taten im Auftrag der Regierung begangen hat, hat Kovacs stark geprägt. Die Invasion von Sharya, der Tod seines Freundes Jimmy de Soto auf Innenin, das Schicksal seiner Freundin Sarah auf Harlan’s World (für Kovacs subjektiv gesehen vor wenigen Tagen) wird immer wieder aufgegriffen und ergibt unterm Strich ein glaubhaftes Bild dieses Charakters. Auch seine spezielle Envoy-Konditionierung kommt immer wieder vor. Vorstellen kann man sich das ein bisschen so wie die Kampfszene im „Sherlock Holmes“-Kinofilm. Auch das kam zu kurz in der Serie, finde ich. Und nicht zuletzt Harlan’s World: Das Buch enthält durchaus viele Details dieser merkwürdigen Kolonie. Die Serie hat viele Szenen, welche dort in Rückblenden spielen. Aber viel Charakter entfaltet die Welt dort leider auch nicht.

Ungeachtet dieser Kritikpunkte zeigte sich der Autor Richard Morgan von der Serie absolut begeistert. Angesprochen auf die vorgenommenen Veränderungen meinte er: „Look, you’ve given me the keys to a Maserati here. And you’re worrying that the shade of leather the upholstery comes in may not be my favourite. But Laeta – it’s a fucking Maserati!!“ Sein Bericht vom Set ist lesenswert. 🙂

Fazit

„Altered Carbon“ ist eine sehr düstere und gewalttätige SF-Serie. Das grundlegende Thema des Bewusstseinstransfers ist sehr spannend und die Geschichte aus dem Roman wurde spannend umgesetzt und gleichzeitig auf passende Weise erweitert und an eine etwas geschlossenere Serienwelt angepasst. Das Level an Gewalt und Sex muss man aber mögen, sonst lässt man von dieser Serie besser die Finger. Und was das Charakterporträt von Takeshi Kovacs betrifft, da leistet das Buch tatsächlich bessere Arbeit.

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So, noch mal kurz drüber schauen und dann nichts wie ab damit. Vielen Dank fürs Kommentieren! :-)