Perry Rhodan: Beobachtungen aus der Vergangenheit

Ich bin vor langer Zeit in der Erstauflage der Perry-Rhodan-Serie ausgestiegen (vor fast 800 Heften!), habe hier aber noch an die 1000 alte Hefte stehen, die ich noch nicht gelesen habe. Nach längerer Pause habe ich letztens mal wieder bei Band 850 weitergelesen. Die Hefte davor waren teils sehr zäh, unlogisch und teils auch langweilig (die Story um die Varben etwa). Die Geschichten um die Wynger lesen sich da gleich viel besser. Wie ich schon mal aufgeschrieben habe, finde ich die alten Hefte aber auch aus anderen Gründen sehr spannend. Ich lese aktuell größtenteils Erstausgaben von 1978, und das ist jedes Mal wie eine kleine Zeitreise in eine ganz fremde Welt.

Witzig ist allein die krude Werbung hinten in den Heften. Da gibt es einfach alles, von normalen Anzeigen für Jugendbücher, über „Erwachsenen-Unterhaltung“ bis hin zu esoterischem Schnick-Schnack, dem 6. und 7. Buch Moses und Leuten, die für nur 10 DM meinen Lottoschein ausfüllen („Glückshand“). Man könnte fast meinen, das war damals das Äquivalent des heutigen E-Mail-Spams: Die Anzeigen in einer Publikation wie „Perry Rhodan“ waren sicher nicht ganz billig, aber man hat wohl immer genug Dumme gefunden, die sich auf so einen Kram einlassen. Mit fast vierzig Jahren Abstand ist es auf jeden Fall unterhaltsam. Die Rückseite der Hefte schmückt wie selbstverständlich, trotz des erkennbar jugendlichen Zielpublikums, Werbung für abwechselnd Zigaretten, Alkohol und Muskelaufbau-Präparate (mit einem blutjungen Arnold Schwarzenegger).

Unterhaltsam sind auch die Leserbriefe. Viele kritisieren mit großem Ernst und Eifer die Romanhandlung, andere beschäftigen sich mit der Zersplitterung des Fandoms. Die durchschnittliche Mitgliederzahl eines Perry-Rhodan-Clubs scheint 3 gewesen zu sein. Es gibt aber auch Perlen wie diesen Beitrag hier:

Die Rolle der Frau in Ihrer Serie ist weiterhin unbefriedigend. Da aber Romane, die in der Zukunft spielen, auch nur vom gewöhnlichen Erdenbürger des Jahres 1977 gelesen werden, läßt sich wohl eine harmonische Gleichberechtigung von Mann und Frau in Ihrer immerhin im 4. Jahrtausend spielenden Serie wohl auch weiterhin nicht realisieren. Um überhaupt Romane veröffentlichen zu können, müssen sie erst mal gekauft werden und PR wird nun mal hauptsächlich von Männern jeden Alters gekauft, die sich über die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft im Unterbewußtsein weitaus klarer sind, als sie vielleicht öffentlich zugeben werden. So wenig man sich eine Bundeskanzlerin vorstellen wird, wird man sich eine Großadministratorin wünschen. So sehr man Frauen am Steuer verachtet, so schätzt man auch Frauen in Raumschiffen ein.

Soweit die Gedanken eines vermutlich eher progressiven Lesers auf der LKS von Band 855. Als ich das las, im Jahre 13 von Angela Merkels Kanzlerschaft, musste ich erst mal laut lachen. Immerhin schrieb der Leser das anderthalb Jahre vor Margaret Thatcher. Die Rolle der weiblichen Charaktere in den Heften ist aber tatsächlich unbefriedigend. Teilweise kommt das einfach doof und sexistisch rüber. Männer sind z.B. Männer, Frauen sind „Mädchen“. Oft kommen sie aber auch einfach gar nicht vor, in der Kommandostruktur normaler Raumschiffe zum Beispiel.

Was ich ansonsten von jeher an diesen alten Romanen spannend fand, ist wie anschaulich man daran Paradigmen-Wechsel sehen kann. Die Autoren konnten sich offenbar Existierendes in Größer und Mehr vorstellen. Aber es fiel ihnen oft schwer, sich ein völlig anderes Vorgehen vorzustellen. Wenn also in den 50ger und 60ger Jahren Raketen auf einem Feuerstrahl in den Weltraum flogen, dann konnten sie sich Jahre vor der Mondlandung eine solche vorstellen und im Folgenden dann auch riesige Raumschiffe – die aber immer noch auf einem Feuerstrahl in den Himmel starten.

Teilweise kriegt man auch beides in der gleichen Szene: Eine Vorausschau von Technik, die heute selbstverständlich ist, es aber 1977 sicher noch nicht war, und eine Erwähnung von übelsten Anachronismen im 4. Jahrtausend:

Als er am nächsten Morgen aufstand, schaltete er das Videogerät ein, um sich die automatisch aufgezeichneten Nachrichten anzusehen. […] Plötzlich stutzte er. Der Name Verlenbach war gefallen. Er hatte nicht mitbekommen, in welchem Zusammenhang. Da er es wissen wollte, ging er zum Apparat, ließ das Band zurücklaufen und hörte sich die Nachricht erneut an.

[PR 854 von H. G. Francis]

Es gibt hunderte solcher Stellen, wo man die Autoren schütteln möchte, weil sie im Zusammenhang mit Videoaufnahmen immer von „Bändern“ schreiben (oder wie in PR 867 von „Filmspulen“). Merke: Erwähne nie eine bestimmte Technologie, wenn es nicht sein muss! Hätte der Autor hier nur geschrieben „ließ die Aufnahme zurücklaufen“ könnte nun der Leser in jeder Generation sich die Technik vorstellen, die aktuell gerade hypermodern ist.

Es geht aber noch schlimmer:

Gavro Yaal legte seine Gitarre zur Seite, ging zu einem Schrank und holte mehrere Ordner daraus hervor. Er verteilte sie an Fellmer Lloyd und Bully, weil er sie allein nicht tragen konnte.

[PR 867 H. G. Francis]

Zur Einordnung: Wir sind auf einem der modernsten Schiffe der Menschheit im Jahre 3586, und einer der wichtigeren Wissenschaftler des Schiffes wurde gerade gebeten, Unterlagen über ein bestimmtes Forschungsprojekt mitzubringen. „Ordner aus einem Schrank“ zu holen ist da so unpassend wie eine Papyrus-Rolle zu zücken. Im Jahre 1977 war die Szene aber modern, denn in den Ordnern befanden sich natürlich Ausdrucke auf Folie statt auf Papier. 🙂 Bei TNG hätte er nun immerhin einen Stapel Pads mitgenommen, und Babylon 5 war schon Mitte der Neunziger so weitsichtig, einfach mit Kristallen zu arbeiten und keine Angaben über Speichergrößen zu machen.

Das waren nun zwei Beispiele von H. G. Francis. Für mich als Software-Entwickler ist das nächste Beispiel von Kurt Mahr aus PR 868 noch schmerzlicher:

„In einem Peripherierechner der Bordpositronik ist ein Register nicht ansprechbar“, antwortete Marboo.
„Wie haben Sie das festgestellt?“
Marboo bedachte ihn mit einem Blick, der ihm zu verstehen gab, daß dies keine sonderlich intelligente Frage war.
„Beim Programmieren“, antwortete sie. „Ich wollte das Register als Befehlszähler verwenden. Mein Programm flog raus, und ich bekam eine Fehlermeldung, daß das Register nur privilegierten Anwendern zur Verfügung steht.“
[…]
„Man kann das Problem einfach umgehen.“
„Wie?“
„Indem man eine höhre Programmiersprache benutzt, die Register nicht explizit anspricht.“

Hier zeigt sich, das Expertise nicht immer von Vorteil ist. Wer nichts über Computer und das Programmieren weiß, hätte das jetzt eher vorsichtig grob umschrieben und vielleicht aus Unwissenheit total übertrieben und Dinge erwähnt, die physikalisch gar nicht gehen. Und hätte damit wahrscheinlich nur leicht hinter dem heutigen Stand der Computer zurückgelegen. Kurt Mahr war nun aber leider Physiker und wusste vermutlich, wovon er schrieb. Was er nicht vorausgesehen hat, war wie weit sich das Programmieren in nur vierzig Jahren von der Hardware entfernt hat. Was da auf dem modernsten Raumschiff der Menschheit (die gerade gestartete BASIS, mit Superintelligenzen-Technologie von NATHAN gebaut) über das Hantieren mit Registern beschrieben wird, mutet einfach unheimlich antiquiert an. Objektorientierte Sprachen mit automatischem Speichermanagement, virtuelle Maschinen, die einen ganzen Computer mit allem drum und dran simulieren? An dieser Stelle war Perry Rhodan jedenfalls mehr ein Abbild der damaligen Realität als eine Zukunftsvision. Pluspunkte kriegt Kurt Mahr aber für den Charakter Marboo, die tatsächlich als kompetente und selbständige Frau dargestellt wird.

Kurt Mahr kann aber auch anders. Gleiches Heft, Seit 19:

Es war gegen 15 Uhr am Nachmittag des 29. April, als sich bei Payne Hammiller, der sich um diese Zeit in seinem privaten Arbeitszimmer befand, der Interkom meldete. Er schaltete das Gerät per Zuruf ein. Auf der Bildfläche erschien Tako Kakutas Gesicht –, so, wie es der Menschheit von jenen Tagen her in Erinnerung war, als der Mutant noch seinen eigenen Körper besaß. Das Bild wurde in einem Simulator erzeugt, der die Bewegungen des Mundes und der übrigen Gesichtsmuskulatur mit den vom Vokoder erzeugten akustischen Signalen synchronisierte. Es wirkte lebensecht. Niemand, der Tako Kakutas Schicksal nicht kannte, hätte geahnt, daß es sich um eine Animation handelte.

Zur Einordnung: Kakuta ist zu diesem Zeitpunkt körperlos. Kurt Mahr beschreibt hier ganz beiläufig die Sprachsteuerung von Haushaltsgeräten. Das ist heute Alltag, aber wäre noch vor zehn Jahren nicht ohne weiteres möglich gewesen, denke ich. Noch viel spannender ist die Beschreibung eines lebensecht wirkenden und in Echtzeit erstellten Avatars. Auch das ist mittlerweile Realität, war aber auf den Computern von 1978 schlicht nicht machbar.

Soweit mit Fundstücken für heute. Ich lese aber weiter und werde irgendwann mal weitere Perlen aus der tiefen Vergangenheit präsentieren.

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So, noch mal kurz drüber schauen und dann nichts wie ab damit. Vielen Dank fürs Kommentieren! :-)