„Dexter: New Blood“ ist eine Fortsetzung zu Dexter, die von 2006 bis 2013 in 8 Staffeln die Geschichte des Serienkillers Dexter Morgan erzählte. „New Blood“ erschien Ende 2021 und bietet zehn Episoden, gewissermaßen eine Mini-Serie.
Achtung: Der folgende Text enthält Spoiler fürs Serien-Ende der originalen Dexter-Serie. Wenn ihr „Dexter“ noch nicht zu Ende geschaut habt, dann lest ggf. nicht weiter.
Die Prämisse
Jim Lindsay lebt im kleinen Ort Iron Lake, irgendwo weit im Norden von Upstate New York. Das Leben verläuft ruhig in der Kleinstadt, umgeben von Schnee und Eis. Lindsay arbeitet in einem Jagd-Geschäft und ist mit der lokalen Polizeichefin Angela liiert. Was niemand weiß, auch nicht Angela: Lindsay heißt eigentlich Dexter Morgan und hat vor zehn Jahren in Miami seinen Tod vorgetäuscht, um dem Kreislauf des Tötens zu entkommen. Durch eine rigorose Routine hat Dexter es geschafft, seitdem seinem Verlangen zu töten nicht mehr nachzugeben. Doch dann taucht eine Person aus seiner Vergangenheit in Iron Lake auf: Dexters Sohn Harrison, den er vor zehn Jahren zurückließ, ist nun ein Teenager und auf der Suche nach seinem Vater. Wird es Dexter gelingen, ein besserer Vater für Harrison zu sein, Jim Lindsay zu bleiben und seine Identität als Bay Harbor Butcher hinter sich zu lassen?
Bewertung
„Dexter“ habe ich 2019 zu Ende geschaut. So sehr ich die Serie anfangs mochte, so sehr gingen mir einige der Story-Entwicklungen am Ende auf die Nerven. Am Ende war ich hauptsächlich froh, dass es vorbei war. Nicht ganz ein Ende auf „Lost“-Niveau, aber auch kein Meisterwerk. Insofern hätte ich nicht gedacht, dass mich weitere Dexter-Serien überhaupt interessieren würden. Aber nun haben wir gerade Paramount+ für einen Monat bezahlt, und „Dexter: New Blood“ hat nur 10 Episoden, also habe ich mal reingeschaut und war positiv überrrascht.
Für mich kam die Serie aktuell zu einem ganz passenden Zeitpunkt. „New Blood“ spielt 10 Jahre nach „Dexter“, und für mich sind an die sieben Jahre vergangen, seit ich „Dexter“ zu Ende geschaut habe. Lange genug, dass man viele Details vergessen hat. „New Blood“ setzt dabei erfreulich wenig Wissen über die Originalserie voraus. Wir kriegen einen komplett neuen Handlungsort, neue Charaktere und nur wenige Rückgriffe auf die Originalserie. Die Zeit, die für Dexter Morgan in der Serie vergangen ist, ist auch für uns Zuschauer vergangen. Kann Harrison schon ein Teenager sein, denke ich mir, aber meine eigene Tochter ist ja auch kein Grundschulkind mehr.

Schön fand ich dabei, dass auf subtile Weise dann doch zumindest stilistische Parallelen zur Originalserie bestehen. Während früher Dexter immer wieder Zwiesprache mit seinem verstorbenen Adoptivvater Harry hielt, übernimmt nun seine ebenfalls verstorbene Adoptivschwester Debra diese Rolle. An allen möglichen und unmöglichen Stellen steht Debra neben Dexter und berät ihn, beschimpft ihn, schreit ihn an und darf natürlich auch wieder fluchen. Jennifer Carpenters Rolle ist dabei nicht speziell groß oder kriegsentscheidend für die Geschichte (in der Regel ignoriert Dexter ihren Rat), aber sie war so ein integraler Teil der Original-Serie, dass es schön ist, sie auch in dieser Eis-und-Schnee-Variante wiederzusehen.
Wo ich nun gerade noch mal meine Serienkritik von 2019 gelesen habe, merke ich auch, wie viele Dinge ich vergessen habe. Die Unausgewogenheit der späteren Staffeln, die merkwürdigen Entscheidungen der Autoren, die fragwürdige Richtung, in die sich der Charakter Dexter entwickelt hatte. Ich habe viel davon verdrängt, und „New Blood“ macht das zum Glück einfach. Die Serie wurde von Clyde Phillips entwickelt, dem Showrunner der ersten vier Dexter-Staffeln. Die Produzenten der Staffeln 5 bis 8 sind hier dagegen nicht mit an Bord. Es hilft auch, dass „New Blood“ in zehn Episoden eine abgeschlossene Geschichte ohne zu viel Hin und Her erzählt.
Wenn nun bis auf Dexter hier alles neu ist, stellt sich die Frage, ob Dexter als Charakter noch so funktioniert wie früher und ob die neuen Charaktere etwas taugen. Die Antworten hängen voneinander ab. Insbesondere Julia Jones als Angela Bishop fand ich sehr sympathisch, genau wie ihre Tochter Audrey. Als alten Highlander-Fan hat es mich natürlich auch gefreut, Clancy Brown in einer größeren Rolle als Kurt Caldwell zu sehen. Seit seinen Tagen als Kurgan ist einiges an Zeit vergangen, aber man merkt, dass er ein guter Schauspieler ist. Iron Lake ist eine typische Kleinstadt, irgendwo im nirgendwo. Das Setting fernab vom Meer und der Sonne ist für eine Dexter-Serie erst mal ungewohnt, aber ich finde es durchaus clever, dass man nicht versucht hat, den Miami-Stil der Originalserie zu kopieren. Bonuspunkte gibt es für den reduzierten Vorspann (wenn man das so nennen möchte, es ist eher ein animiertes Serienlogo), bei dem der Dexter-Schriftzug langsam auftaut und das darunter befindliche „New Blood“ mit Blut tränkt. Dexters Alibi-Name Jim Lindsay ist übrigens ein kleiner Spaß der Autoren, denn die originalen Dexter-Romane wurden von Jeff Lindsay geschrieben.

Für mich hat das Setting und die neuen Charaktere erstaunlich gut funktioniert. Man sieht Dexter in dieser heilen Welt und kann nicht umhin als mitzufiebern, wen er mit seinem Dark Passenger alles in Mitleidenschaft ziehen wird. Und dass das passieren wird, steht ja außer Frage. In Iron Lake ist alles kälter, aber Michael C. Hall spielt Dexter so wie man ihn kennt: Der nette Typ von nebenan, etwas reserviert vielleicht, mit einem leicht schiefen Grinsen. Wir als Zuschauer bekommen zusätzlich Dexters Gedanken als inneren Monolog bzw. Dialog, wenn er mit der Halluzination von Debra spricht. Und dann betritt Harrison die Bühne. Hier war ich mir am meisten unsicher, ob dieser Charakter mich interessiert. Denn natürlich fängt die Serie einen Tanz an, ob Harrison die Impulse seines Vaters geerbt hat oder nicht. „Born in blood“ und so weiter. Das ist nicht wirklich originell oder überraschend. Aber ich muss sagen, dass Jack Alcott die Rolle gut spielt und aus dem Material, das er bekommt, durchaus etwas herausholt.
Schon bei der Originalserie war ja die Frage, wie man einen Hauptcharakter schreibt, der moralisch eindeutig falsch handelt. Wie erzählt man eine Geschichte mit so einem Hauptcharakter als „Helden“? Und vor allem, wie schreibt man dafür ein Ende? Lässt man ihn mit seinen Taten davonkommen oder nicht? Das gleiche Problem stellt sich hier natürlich wieder, und Clyde Phillips, der ja an Staffel 6 bis 8 nicht beteiligt war, thematisiert das hier etwas offensiver. Die offizielle Linie der Serie scheint zu sein, dass Dexter ein Mörder ist, aber dass er damit durchkommt, solange er sich an seinen Code hält und nur Menschen tötet, die sich laut seinem Code dafür qualifizieren. Wenn er aber wie in Staffel 6 der Originalserie anfängt, wahllos zu töten, nur um nicht geschnappt zu werden, dann hat er es nicht verdient gerettet zu werden. Für mich ist das ein besserer Umgang mit diesem Dilemma als die Originalserie ihn damals hinbekommen hat.
Fazit
„Dexter: New Blood“ ist eine spannende und gut geschriebene Erweiterung der originalen Serie. Man kann sie schauen, auch und gerade wenn man mit den Entwicklungen von „Dexter“ ab Staffel 6 nicht so viel anfangen konnte. „New Blood“ knüpft gleichzeitig an das Original an und gibt uns neue Charaktere. Ohne zumindest ein paar Staffeln von „Dexter“ gesehen zu haben, macht „New Blood“ aber vermutlich nicht so viel Sinn. Dass man es bei 10 Episoden belassen hat, sorgt für einen knackigen Spannungsbogen, die Serie verliert sich nicht in endlosen Finten und Nebenstories. Eigentlich hätte das hier das perfekte Ende für „Dexter“ sein können, wenn danach nicht noch „Original Sin“ und „Resurrection“ folgen würden.