Ahnenforschung: Rufnamen

Ich hatte es ja letztens in meinem Beitrag zu Ancestry anklingen lassen, dass es für mich tatsächlich eine neue Erkenntnis war, dass unser deutsches System der Rufnamen nicht universell in der westlichen Welt so gehandhabt wird. Insbesondere Amerikaner haben wohl einen festen „first name“ und dazu 0 bis x weitere „middle names“, die oft auch nur als Initialen verwendet werden. Aber in der Regel kommt es nicht vor, dass ein Amerikaner im Alltag unter einem anderen als seinem „first name“ bekannt ist.

Soweit, so sinnvoll. In Deutschland und allen ehemals zum Deutschen Reich oder Österreich-Ungarn gehörenden Gebieten ist es aber so, dass man einen oder mehrere Vornamen hatte, von denen wiederum einer der Rufname ist, den man im Alltag verwendet. Das kann, muss aber nicht der erste Vorname sein. Regional gab es da verschiedene Gepflogenheiten, manchmal auch nur innerhalb einer Familie. Zum Beispiel könnte vor dem Rufnamen der Name des Vaters oder eines Taufpaten stehen.

Das führt zu dem Problem, dass man bei neu entdeckten Vorfahren erst mal nicht weiß, was der Rufname ist. Wenn es also niemanden gibt, der die Person kennt und den man befragen kann. In offiziellen Quellen wie dem Kirchenbuch oder Standesamts-Registern findet man meist die volle Angabe aller Vornamen. In seltenen Fällen ist der Rufname unterstrichen (auf meiner Geburtsurkunde z.B.), aber ich glaube, das war vor ca. 1930 nicht üblich. Die Angabe aller Vornamen wiederum diente dazu, Verwechslungen vorzubeugen und macht deswegen auf offiziellen Dokumenten Sinn.

Wie kriegt man nun den Rufnamen raus? Es ist ja schon schöner, wenn man weiß, wie ein Vorfahre im Alltag genannt wurde. Und die Ordner- und Bildernamen macht es auch kürzer. Wenn in offiziellen Quellen oft die vollen Vornamen genannt wurden, bieten sich hier weniger offizielle Quellen an. Wichtig wie immer ist hier aber auch, dass man sicherstellt, dass gefundene Quellen zur gleichen Person gehören. Gerade in Adressbüchern erwischt man sonst gerne mal die falsche Person!

An diesen Stellen lohnt es sich zu suchen:

Heiratsregister-Einträge (Standesamt): Bei der eigenen Heirat wurde natürlich der volle Name angegeben, aber wenn es sich um das Hauptregister handelt, musste der Eintrag auch eigenhändig unterschrieben werden. Hier kam es jetzt wohl auf den Standesbeamten an. Ich habe schon „Unterschriften“ wie „Johanna Maria Dorothea Meyer geb. Schulz“ gesehen. Aber oft findet sich doch eher eine normale Unterschrift und man weiß, ob „Heinrich Eduard Max“ ein Heinrich, ein Eduard oder ein Max war. Manchmal ist der Vorname sogar nur abgekürzt. Aber auch das hilft, solange alle Vornamen mit einem anderen Buchstaben anfangen (ich hatte mal einen Alwin Wilhelm August, der mit „A.“ unterschrieben hat).

Heiratsregister-Einträge (Standesamt) als Trauzeuge: Wenn der eigene Heiratsregister-Eintrag der Person nicht hilft, dann aber manchmal die Heirat eines Kindes. Die beiden Väter waren nämlich oft auch Trauzeugen, und bei den Trauzeugen hat der Standesbeamte nur den Rufnamen vermerkt. Man muss dann aber sicher sein, dass es sich um den Richtigen handelt! Es könnte ja statt dem Vater z.B. auch ein Onkel oder Cousin Trauzeuge sein. Also hier auf Alter und Adresse achten!

Todesanzeigen: Das hilft nur in einem bestimmten Zeitraum und nicht unbedingt auf dem Land. Aber in Städten ab ca. 1885 war es durchaus üblich, eine Todesanzeige in der Zeitung zu schalten. Da stand dann in aller Regel nicht „Gerhard August Arthur“ als Name sondern „Gerhard“. Außerdem war die Anzeige ja im Namen von jemandem aufgegeben. Zumindest der überlebende Ehepartner steht normalerweise drunter, manchmal aber auch eine Liste von Verwandten, die den Tod gemeinschaftlich anzeigen. Das ist sowieso spannend, weil es einem Hinwiese auf den Verbleib erwachsener Kinder und deren Ehenamen gibt. Und manchmal findet man auf diese Weise heraus, dass „Johann Fritz Louis“ im Alltag ein „Jonni“ war.

Sterbeeinträge: Gegen Endes des Lebens ließ die Genauigkeit oft etwas nach und man findet in kirchlichen Sterberegistern manchmal auch nur einen Vornamen statt allen. Das vor allem, wenn der Verstorbene nicht aus dem gleichen Ort stammte und der Pfarrer deswegen nicht den Taufeintrag in den eigenen Büchern nachschauen konnte. In Ausnahmefällen auch beim Standesamt, wenn z.B. niemand von der Familie den Tod meldete oder wenn gegen Kriegsende sehr viele Tote auf einmal eingetragen wurden.

Grabsteine: Nicht so leicht zu finden, da Gräber so schnell ablaufen und eingeebnet werden. Aber auf dem Grabstein würde in der Regel nur der Rufname stehen. Man muss sich dann aber auch sicher sein, dass das Grab zur gesuchten Person gehört.

NSDAP-Mitgliederkartei: Eigentlich will man seine Vorfahren darin ja nicht wiederfinden, aber die NSDAP hat dort in aller Regel nur den Rufnamen vermerkt (und manchmal gibt es Fotos!). Mein oben erwähnter Alwin Wilhelm August hat sich auf die Weise als ein Alwin herausgestellt. Da hier auch immer Geburtsdatum und Geburtsort dabei steht, kann man sich relativ sicher sein, die richtige Person zu erwischen. Bei Alwin war das übrigens spannend, denn er hatte acht Geschwister mit jeweils drei oder vier Vornamen. Sechs von ihnen haben den letzten Vornamen als Rufnamen, die zwei anderen sind als Kleinkinder verstorben, so dass ich es nicht sagen kann. Also hätte ich bei ihm eigentlich auf einen „August“ getippt, was witzig gewesen wäre, denn er hat eine Auguste geheiratet.

Adressbücher: Für größere Orte gibt es ja in der Regel Adressbücher, in denen man nachschauen kann. Das hilft manchmal weiter, aber auch nicht immer. Oft sind hier Vornamen nur abgekürzt, und selbst wenn nicht braucht man weitere Infos, um den Adressbuch-Eintrag einer Person zuordnen zu können. Aber wenn man aus einem Standesamt-Eintrag eine Adresse hat, könnte man über das Adressbuch herausfinden, welcher der Vornamen der Rufname war.

Konfirmation: Konfirmationseinträge habe ich noch nicht so viele gefunden bisher, aber wenn dann nur mit einem Vornamen. Hier muss dann aber wirklich der Vater oder die Eltern dabeistehen, sonst kann das ja irgend jemand sein. Ein Geburtsdatum gibt es hier ja in der Regel nicht, nur das Alter („15 1/2 J.“).

Wirklich Pech hat man übrigens mit verstorbenen Babys und Kleinkindern. Wenn alle Spuren, die das verstorbene Geschwisterkind hinterließ, der Taufeintrag und der Beerdigungs-Eintrag sind, dann wird es schwierig. In diesen Fällen bleibt einem dann nichts anders übrig, als alle Vornamen aufzuführen.

Das waren ein paar Varianten, wie man an den Rufnamen kommt. Ganz wichtig ist immer, dass man sich den so ermittelten Rufnamen aufschreibt! Nur weil man etwas jetzt gerade weiß, heißt das ja nicht, dass man sich zwei Jahre später noch daran erinnert. Gramps hat dazu ein eigenes Namensfeld, andere Genealogie-Software hoffentlich auch. Wenn es nicht offensichtlich ist, woher man das weiß, sollte man auch das in den Notizen zur Person notieren.

Jetzt wäre noch spannend zu hören, wie das in anderen Ländern funktioniert, Frankreich oder Großbritannien zum Beispiel. Die Niederlande verwenden wohl das deutsche Modell, habe ich gerade ergoogelt. Und dann gibt es natürlich ganz krasse Namenssysteme, z.B. in asiatischen Ländern.

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So, noch mal kurz drüber schauen und dann nichts wie ab damit. Vielen Dank fürs Kommentieren! :-)